Noura Leder 
 
Hufbearbeitung  

Was ist funktionelle Geometrie?



In vielen Bereichen des Lebens überrascht und fasziniert uns die Natur mit ihren scheinbar komplexen und dennoch einfachen und vor allem zweckdienlichen, funktionellen Strukturen.
Ob es der Aufbau von Baumstämmen ist, die spiralförmige Bauart von Schneckenhäusern oder die erstaunlich widerstandsfähige und zugleich fragile Form eines Vogeleis – die Form und der Zweck gehen Hand in Hand.
Ebenso verhält es sich bei den Hufen von Tieren. Um die Tiere optimal tragen zu können, über verschiedenste Untergründe und in diversen Geschwindigkeiten, dazu ist der Huf geschaffen. Um relativ viel Gewicht auf relativ kleiner Fläche zu halten und zu stützen, dazu dient die natürliche Hufform. Dabei ist eine optimale Druckverteilung einer der wichtigsten Aspekte, denn wenn es drückt, entstehen Schmerzen.
Die individuellen Anforderungen eines Pferdes an seine Hufsituation, die rassenspezifischen Besonderheiten, die Haltung und die täglichen Aktivitäten des Pferdes variieren, der Aufbau des Hufs bleibt ähnlich. Die Hufkapsel, die Sohle, die Eckstreben und der Hufstrahl stehen in geometrischen Zusammenhängen zueinander, die die Funktionalität im Inneren des Hufs erkennen lassen. Deformationen des geometrisch angelegten Rasters, die im Außen zu sehen sind, lassen Rückschlüsse auf die Situation im Hufinneren zu und können darüber Aufschluss geben, ob die inneren Strukturen weiterhin vollumfänglich funktional sind und bleiben können oder ob bestimmte Imbalancen zu bleibenden Degenerationen führen können, die das Pferd auf lange Sicht in seiner Hufgesundheit und seinem Allgemeinzustand einschränken können.
Dabei ist zu beachten, dass es keine dogmatische Regel gibt. Eine Zehenwand muss nicht immer im 45-Grad-Winkel zum Boden stehen, denn es gibt Rassen mit steileren und flacheren Zehenwänden. Dennoch bewegen wir uns immer in einer Marge, die anzeigt, was gesund ist und was nicht.
So sollten Hufwände und Trachtenwände möglichst parallel zueinander verlaufen, die Fesselachse sollte eine gerade Linie bilden, die Eckstreben dienen dazu, Zug- und Druckverhältnisse abzuleiten, der Strahl sollte in der Lage sein, seine Funktion als Dämpfer auszuführen – und das alles ohne unpassenden Druck oder Zug auf die inneren Strukturen auszuüben.
Bei vielen Pferden kommt es im Laufe der Jahre zu kleineren und größeren Deformationen in der Symmetrie der Hufe. Wichtig ist dabei jedes Mal, auf den gesamten Pferdekörper zu schauen, das Pferd in seinen Bewegungsabläufen zu betrachten und genau zu prüfen, wie funktional das Pferd im Ganzen ist.
Habe ich ein Pferd mit steiler Fesselung, das demnach eine steile Zehenwand aufweist und dementsprechend über hohe Trachten verfügt und damit einwandfrei auffußt und in seiner Bewegung und Leistungsfähigkeit nicht eingeschränkt ist, so gilt es, den Huf in seiner individuellen Formgebung zu akzeptieren.
Steht das Pferd jedoch dauerhaft rückständig und belastet den Zehenbereich stärker, so kann eine Hufkorrektur zu einer positiven Veränderung führen. Allerdings gilt hier, stellvertretend für viele andere Fälle, zu ergründen, woher die Rückständigkeit kommt und die ursächliche Situation zu verbessern.
Oft ist eine Hufkorrektur ein großer Schritt in die richtige Richtung. Doch nicht alles kann von Bottom Up (vom Huf nach oben) geregelt werden. Manche Korrekturen bedürfen auch einer Veränderung Top Down (also von der Körperhaltung zum Huf) und somit der aktiven Unterstützung von Besitzer, Tierarzt, Trainer und/oder Physio- und Osteotherapeuten.